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Die Kiefermuskulatur – Stark wie tausend Pferde

Die Kiefermuskulatur macht einen der spannendsten Bereiche des menschlichen Körpers aus. Dies ist nicht nur historisch-evolutionär bedingt, sondern in der Komplexität auch heute noch eine der erstaunlichsten Merkmale des Menschen.

Generell heißt es, dass die Beißkraft eines Lebewesens umso stärker ist, je größer es ist. Allerdings ist das Verhältnis von Kiefergröße und Beißkraft zu Körpermasse nicht bei jedem Lebewesen gleich. Daher gibt es, um dieses Verhältnis auch nachvollziehen zu können, eine Berechnungsmethode zum BKQ, dem Beißkraft-Quotienten.

Dabei wird zunächst die Beißkraft in Newton pro Quadratzentimeter ermittelt. Da sowohl die Beißkraft als auch das Körpergewicht bei jedem Menschen unterschiedlich sind, kann kein allgemeiner Wert festgelegt werden, lediglich ein Durchschnittswert für alle bisher aufgezeichneten Werte. Der Beißkraft in N/cm-2 steht dabei das Körpergewicht in kg gegenüber. Zur Veranschaulichung: Beim Menschen mit einem Körpergewicht von 80 kg und einer Beißkraft von 390 N/cm-2 beträgt der BKQ 4,88. Und zum Vergleich: Ein Weißer Hai kommt bei 3.500 kg und 17.640 N/cm-2 auf einen BKQ von 5,04. Ein Schwarzer Piranha hingegen wiegt lediglich 3 kg, hat aber eine Beißkraft von 320 N/cm-2, was ihm mit einem BKQ von 106,67 zum Lebewesen mit der stärksten Kiefermuskulatur (im Vergleich zum Körpergewicht) auf der Erde macht.

Wieso ist die Kiefermuskulatur die stärkste Muskulatur im Körper?

Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Wie hat sich die Kiefermuskulatur derart ausprägen können? Denn unsere Arme und Beine müssen ebenfalls seit Jahrtausenden und Jahrmillionen tagtäglich eine immense Last tragen, wenn wir beispielsweise Möbel durch die Gegend schleppen oder eine längere Strecke zum Bus rennen müssen.

Die Antwort darauf liegt in der Hebelwirkung. Unsere Arme beispielsweise können je nach Gewicht, das wir heben, auf eine bestimmte Weise angewinkelt werden, es entsteht eine Hebelwirkung, die das Gewicht großflächiger verteilt. Auch kann das Gewicht zum Beispiel auf beide Arme verteilt werden, wenn wir einen Gegenstand mit beiden Händen heben. Daher werden unsere trotzdem durchaus starken Muskeln in den Gliedmaßen regelmäßig entlastet.

Beim Kiefer jedoch ist eine derartige Entlastung nicht möglich. Egal, was von den Zähnen zerkleinert werden soll, muss ohne Hilfestellung geschehen, das kann lediglich der Kiefermuskel allein bewerkstelligen. Evolutionär betrachtet ist es dabei nur logisch, dass sich unsere Kiefermuskulatur so entwickelt hat. Denn beispielsweise unsere Ernährungsvielfalt, bestehend aus Weichem (Obst & Gemüse), Zähem (Fleisch) und Hartem (Nüsse), gibt es in der Form schon seit Ewigkeiten. Allerdings – und das ist wahrscheinlich der entscheidende Unterschied – hatten unsere Vorfahren keine Hilfswerkzeuge wie Besteck zum Zerkleinern von Nahrung. Daher mussten die Kiefermuskeln das Zerteilen großer Nahrungsstücke selbst übernehmen.

Die Kombination aus der Erfindung von Besteck sowie der sukzessiven Entwicklung der menschlichen Sprachfähigkeit hat dann im Laufe der Geschichte dafür gesorgt, dass unsere Kiefer kleiner wurden und der heutigen Form immer näherkamen. Ohne diese beiden Faktoren ist es gut möglich, dass Menschen noch heute eine Kieferform ähnlich der eines Affen hätten, nämlich größer und stärker.

Gefahren für Kieferknochen und -muskeln

Es gibt mehrere Risiken, denen unser Kiefer ausgesetzt sein kann. Das fängt an bei Kiefersperren, die entstehen, wenn sich das Kiefergelenk ausrenkt, und geht über unzählige Symptome oder Fehlbildungen bis hin zu etwas namens CMD, kurz für Craniomandibuläre Dysfunktion. Dies ist eine Art der Fehlstellung im Kieferbereich.

Die große Gefahr einer CMD besteht dabei darin, dass die Fehlstellung negative Auswirkungen auf den gesamten restlichen Körper haben kann, sogar auf Hüfte und Füße. Bedingt ist dies durch die zusammenhängenden Nerven, Muskeln, Knochen und Gelenke, die den Sitz von Schädelknochen und Wirbelsäule beeinträchtigen können, wenn die Kiefer nicht richtig sitzen. Vor allem bei einer Beeinträchtigung der Wirbelsäulenhaltung ist eine Fehlstellung von Hüfte und Füßen mitsamt den dadurch bedingten Schmerzen sehr wahrscheinlich.

Aber auch vermeintliche Kleinigkeiten wie Zähneknirschen, das häufig im Schlaf passiert und somit lange Zeit unbemerkt bleiben kann, bergen Gefahren, auch für den Zustand der Zähne. Durch die enorme Beißkraft entstehen beim Knirschen starke Abreibungen an den Kauflächen der Zähne und man kann tatsächlich so etwas wie Muskelkater in der Kiefermuskulatur bekommen.

Bei egal welchen Schmerzen im Kiefergelenk sollte unverzüglich ein Kieferorthopäde oder zumindest ein Zahnarzt aufgesucht werden, damit keine weiteren Schäden oder Beeinträchtigungen der Kaumuskulatur zutage treten können.